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SPEZIALAUSGABE GLOBETROTTER WORLD PHOTO 2017
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Manchmal muss man in die Vergangenheit und in ein fernes Tal reisen, um in der Gegenwart anzukommen. Genau dies tat Yann Laubscher, nachdem er vor sieben Jahre auf einer Reise durch Sibirien sogenannten Altgläubigen begegnet war, die im fernen Osten Russlands in selbst gewählter Abgeschiedenheit leben.

Altgläubige?

Als der russische Patriarch Nikon im 17. Jahrhundert die orthodoxe Kirche reformierte – neue Texte, veränderte Riten – mochten ihm nicht alle Gläubigen folgen. Sofort wurden die Gegner der Kirchenreform, die auch als Oppositionelle zum Zaren gesehen wurden, mit dem Kirchenbann belegt, ausgeschlossen, verfolgt, hingerichtet und verjagt. Wer konnte, flüchtete in schwer zugängliche Regionen hinter dem Ural. So entstanden in Sibirien kleine verborgene Gemeinschaften, die in der Taiga versteckt nach dem alten Ritus gottgefällig leben wollten – die Nachkommen dieser Altgläubigen tun es noch heute.

Ihr Leben wollte Laubscher dokumentieren. Doch wie sie kontaktieren? Unmöglich! Und vor allem die Frage: Wollen diese Menschen überhaupt besucht und fotografiert werden? Laubscher ahnte, dass gerade letzteres heikel sein könnte, dass man ihm das Fotografieren eventuell nicht erlauben würde. Er war, falls es denn so sein sollte, bereit, dies zu akzeptieren. Und er zog los. Sein Ziel: Die Region Tuva, der Kleine Jenissei Fluss, in dessen hundert Kilometer langem Tal verstreut, das wusste Laubscher, rund tausend Altgläubige leben – wie vor Jahrhunderten.

Während fast sieben Monaten liegt eine Schneedecke auf der Taiga, dann ist der Kleine Jenissei gefroren. Und gerade deshalb wird das unzugängliche Tal via Fluss doch zugänglich!

Flug, dann Bus, dann Jeep, dann Schneemobil und schliesslich weiter auf Skiern, tagelang zieht Laubscher zusammen mit seinem Dolmetscher durch das endlose Weiss. Schneestürme, klirrende Kälte, Nächte im Zelt, sonnige Tage und eine unberührte, atemberaubende Natur – es ist ein langer Weg in die Poesie der Stille.

Nach zehn Reisetagen das erste Haus. Laubscher: «Die Altgläubigen empfingen uns freundlich und wunderten sich, dass wir freiwillig Nächte im Zelt verbracht hatten, statt die einfachen Jagdhütten im Wald zu benutzen.»

Weiter, tiefer ins Tal, von Haus zu Haus, von einer kleinen Ansiedlung zur nächsten. «Die Häuser sind stets zwischen 10 bis 15 Kilometer von einander entfernt, eine Tagesreise», sagt Laubscher, der etwas mehr als drei Wochen im Tal verbrachte. «Unabhängig von unserem religiösen Bekenntnis wurden wir als Reisende wahrgenommen und waren von der Gastfreundschaft der Einheimischen überwältigt.»

Die Talbewohner stehen mit anderen Gemeinschaften von Altgläubigen in losem Kontakt, wissen von der Welt ausserhalb ihres Tales, in dem es keine Elektrizität gibt, doch: «Ihr Tal ist ihr Universum und es scheint ihnen vollständig zu genügen.»

Nach ein paar Tagen bringen ihm Kinder einen Brief, der an Laubscher und seinen Begleiter gerichtet ist. Er beginnt mit den Worten: «Liebe Touristen…» In klaren und würdevollen Formulierungen heissen die Bewohner des Tals die Reisenden willkommen. Zugleich bitten sie Laubscher, falls er die Altgläubigen mit einem «dämonischen Fotoapparat» ablichten und die Bilder publizieren will, um Erlaubnis zu fragen. (Und die wird dann nicht erteilt.) «Bitte vergib uns! Wir vergeben auch Dir!», steht im Schreiben, dessen Inhalt Laubscher respektiert: Er fotografiert keine Menschen.

Doch ihr Wirken, ihr Leben offenbart sich ihm: Durch ihre täglichen Rituale nach den alten Manuskripten, durch ihre Ikonen, ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung, ihr Essen und die kleinen Dinge des Alltags. Beten, lesen, im Sommer Garten- und Feldarbeit, jagen, angeln, sich um die Tiere kümmern – meistens ist es nur eine Kuh pro Familie, dazu mehrere Pferde. Laubscher: «Sie sind Einsiedler und sie sind stolz auf ihre Lebensweise. Ich bin selten so zufriedenen, warmherzigen Menschen begegnet, die viel lachen.» Fern von Versuchungen, Sünden und Gottesverachtung der «anderen» Zivilisation führen die Altgläubigen ein Leben in Einsamkeit, näher bei Gott, nahe der Erlösung von Körper und Seele – das ist ihr Ziel. Und ihr selbst gewählter Weg dahin führt durchs Tal des Kleinen Jenissei.

Daniel B. Peterlunger